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Halo Inusrance
Dienstag, 08 Dezember 2015 15:14

Das Auto ist ein ganz anderer Konsumgegenstand als ein Smartphone

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Im Rahmen unserer Reihe „Mobilität in der Großstadt“ haben wir ein Interview mit Ingo Kollosche, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung der TU Berlin, geführt. Der studierte Sozialwissenschaftler, der für den Bereich Zukunftsforschung verantwortlich ist, gibt interessante Einblicke in die Mobilitätsgewohnheiten von Menschen und unter welchen Umständen sich diese ändern können.

Ingo KolloscheFoto: privat

Leihwagenversicherung.de: Die weitgehend autofreie Stadt gilt zunehmend als Ideal. Doch haben sich unsere Mobilitätsgewohnheiten in den letzten Jahren tatsächlich merklich gewandelt?

Ingo Kollosche: „Ich würde erstmal sagen, die Gewohnheiten haben sich auf alle Fälle verändert. Aber - und dieses aber kommt gleich hinterher - wenn man sich konkrete Zahlen anschaut, dann sieht das etwas anders aus. Gerade für Berlin sind aktuelle Zahlen sichtbar und zeigen auch tatsächlich die geringste Motorisierungsrate unter deutschen Städten, aber seit 2008 steigt diese Motorisierungsrate wieder. Und zwar nicht in der Mitte der Stadt, sondern an den Stadträndern. Die Leute schaffen sich also offensichtlich wieder ein Auto an. Deshalb sind wir meiner Meinung nach vom Ideal der autofreien Stadt, das sich manch einer erträumen mag, sehr weit entfernt. Bei allen Veränderungen und Möglichkeiten, die gerade beobachtbar sind, ob es nun Car Sharing oder andere Ideen sind, ist und bleibt das Auto das Verkehrsmittel Nummer eins. Und es ist noch ein sehr langer Weg auf verschiedenen Ebenen, ob das politisch, ökologisch oder ökonomisch ist, ehe sich hier etwas verändert. Aber auch wenn man insgesamt von den Zahlen her noch nicht wirklich beobachten kann, dass Menschen allgemein verstärkt multimodal oder intermodal unterwegs sind, also ihre Ziele mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln und möglichst mit dem Rad oder dem ÖPNV zurücklegen, ist das gerade jetzt eine Zeit, wo Veränderungen möglich sind. Das heißt auf der einen Seite ist es technologisch ein großer Schub, dass uns Mobilität durch Informations- und Kommunikationstechnologien durchaus leichter gemacht wird und dass wir mit Carsharing neue Mobilitätsdienstleistungen haben. Aber es bleibt weiterhin abzuwarten wie sich das Carsharing weiter entwickeln und auch wie sich die Mobilitätsgewohnheiten und das Mobilitätsverhalten dauerhaft weg vom Auto verändern wird.“

Leihwagenversicherung.de: Man liest immer wieder, dass das eigene Auto für junge Menschen nicht mehr so zum Erwachsenwerden dazugehört wie früher. Ist da etwas dran oder handelt es sich um ein von den Medien aufgebauschtes Thema?

Ingo Kollosche: „Was die jungen Menschen betrifft, stimmt das schon. Das Institut für Mobilitätsforschung ifmo hat das empirisch weltweit untersucht und sich angeschaut, wie es bei jüngeren Menschen mit der Verfügbarkeit von Fahrzeugen im Haushalt und beim Führerscheinbesitz aussieht. Und hier kann man wirklich beobachten, dass es eben nicht mehr so ist wie früher, dass die jungen Leute mit 18 praktisch wie ein Ritual den Führerschein machen und von Verwandten das gebrauchte Fahrzeug bekommen. Nun wird dies in den Medien kurioserweise oft ganz seltsam damit verglichen, dass das iPhone oder die elektronischen Medien einen höheren Stellenwert in der Gruppe junger Menschen haben als das Auto. Das mag stimmen, das ist aber als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Das Auto ist ein ganz anderer Konsumgegenstand als ein Smartphone. Junge Menschen haben meist überhaupt nicht das Geld, sich ein Auto zu leisten. Es mag so sein, dass das Interesse an dem eigenen Auto nicht mehr da ist. Dazu gibt es ganz unterschiedliche Hypothesen. Eine davon wäre, dass sich das Verhältnis zu dem, was man klassisch als Besitz bezeichnet, ein bisschen gewandelt hat. Man muss dann eben nicht mehr unbedingt ein eigenes Auto besitzen. Das heißt aber nicht, dass man auf Mobilität verzichten möchte – und das höchste Gut im Bereich der Mobilität ist Flexibilität. In den Städten kann man ja jetzt beobachten, dass das Carsharing dort sehr gut angenommen wird. Das sehe ich auch an den Studierenden. Und damit hat man die Möglichkeit Auto-mobil zu sein. Aber das Leben dieser jungen Menschen wird sich noch verändern. Und aus der Mobilitätsforschung weiß man, dass sich auch das Mobilitätsverhalten immer in denjenigen Situationen ändert, wo Umbrüche in der Biografie stattfinden, also wenn Kinder kommen, eine eigene Familie gegründet wird, ein neuer Job angenommen wird oder man woanders hinzieht. Dann fangen Menschen an zu überlegen, wie sie mobil sein müssen und können. Und jeder, der Kinder großgezogen hat, weiß, dass ein Auto gelegentlich gar nicht mal das schlechteste ist.

Insofern ist es nicht gesagt, dass diese Prägung, wie sie jetzt bei jungen Leuten zu beobachten ist, ein Leben lang anhält und diese Menschen Zeit ihres Lebens auf ein Auto verzichten werden. Dennoch ist das eine interessante Entwicklung – aber mit offenem Ausgang.“

Leihwagenversicherung.de: In Bezug auf einen Mobilitätswandel wird oft von Metropolen bzw. Großstädten gesprochen, wo ja meist ganz gut funktionierende Strukturen des öffentlichen Personennahverkehrs gegeben sind. Was müsste sich verändern, dass man auch in ländlicheren Regionen ohne eigenes Auto mobil sein kann?

Ingo Kollosche: „Das ist natürlich eine noch schwierigere Aufgabe, als es in den Städten ist. Wenn man sich die verkehrspolitische Entwicklung anschaut, sieht man, dass man sich jetzt mehr und mehr auch dem ländlichen Raum widmet. Denn de facto ist es dort ja so, dass ohne Auto gar nichts geht. Daran ändert sich gegenwärtig auch nicht viel. Man überlegt gerade inwieweit neue Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing usw. überhaupt in kleineren Kommunen oder im ländlichen Raum anwendbar sind. Da gibt es natürlich finanzielle Probleme und es stellt sich auch die Frage, wie diese Angebote angenommen werden. Es gibt ja schon ewig die Diskussion darüber, wie man im ländlichen Raum Mobilität sicherstellen kann, ohne dass die Leute ein eigenes Auto besitzen müssen. Da gab es unter anderem in Brandenburg die Idee der Bürgerbusse. Aber das ist alles hochgradig schwierig, weil es ökonomisch nicht wirklich darstellbar ist. Meistens müssen das die Leute freiwillig machen und die Busse werden zum Beispiel von Rentnern gefahren. Aber gegenwärtig ist es eben nach wie vor so, dass das eigene Auto notwendig ist, selbst zum Pendeln in die Stadt hinein oder für sämtliche Erledigungen im Raum. Und um ehrlich zu sein, kenne ich keine intelligente Lösung, wie sich das flächendeckend in nächster Zeit verändern sollte. Also es gibt hier zwar Bemühungen aber noch keine konkreten Lösungen.“

Leihwagenversicherung.de: Gibt es denn Städte, die jetzt schon durch besonders innovative Mobilitätskonzepte hervorstechen?

Ingo Kollosche: „Musterstädte für innovative Mobilitätskonzepte in dem Sinne gibt es noch nicht, da die Veränderungsdynamiken gerade erste einsetzen und jede Stadt ihre spezifischen räumlichen, politischen und sozialen Strukturen hat. Zu beobachten sind aber unterschiedliche Dynamiken in den Städten. Es ist einfach ein Riesenphänomen, wie sich sowohl in Paris, London und jetzt auch in New York das Fahrradfahren etabliert. Gerade in Paris ist das ein enormer Erfolg. Und selbst für London kann man nachweisen, dass der Anteil des Fahrradverkehrs gestiegen ist. Und das sind so kleinere Zeichen von Veränderungen. Wir bezeichnen das als System der Nahmobilität. Hier geht es um den Rad- und Fußverkehr in städtischen Strukturen, wo die Wege zum Einkaufen, Freizeitwege etc. relativ kurz sein sollen. In Berlin gibt es das Leitbild der Stadt der kurzen Wege, das darauf angelegt ist, Wege so zu ermöglichen, das man für die Bewältigung dieser Wege eben nicht unbedingt das eigene Auto braucht. Und jede größere Stadt hat ja mittlerweile auf die eine oder andere Art auch ein Carsharing System. Das Problem ist hier nur, dass das immer als besonders innovative Dienstleistung dargestellt wird. Aber es gibt noch keinen wissenschaftlich gesicherten Nachweis darüber, worin diese Innovativität bestehen soll. Im Sinne einer nachhaltigen Mobilität kann man das Carsharing derzeit nicht als innovativ bezeichnen. Es ist schon erschreckend zu sehen, dass die meisten Fahrten beim Carsharing in einem Bereich von einem Kilometer bis fünf Kilometern erfolgen. Das sind Wege, wo man eigentlich kein Auto braucht. Es wird ja immer gesagt, dass ein Carsharing Fahrzeug theoretisch acht bis zehn im Privatbesitz befindliche Pkw substituieren kann. Das ist aber nur ein theoretischer Wert. De facto ist Carsharing eine zusätzliche Option im Mobilitätsportfolio von Menschen und ersetzt nicht zwangsläufig das eigene Auto. Es wird sich hier erst noch zeigen, wie sich das weiter entwickelt. Gegenwärtig sieht es aber so aus, dass durch Carsharingflotten mehr Fahrzeuge in die Städte kommen. Und auch wenn die großen Anbieter versuchen ihre Flotte zu elektrifizieren, ist das zunächst ein sehr geringer Beitrag für eine nachhaltige Mobilität in Städten. Insofern ist Carsharing durchaus ambivalent zu beurteilen.“

Leihwagenversicherung: Würde denn eine bessere Taktung der öffentlichen Verkehrsmittel einen Unterschied machen und mehr Menschen dazu bringen verstärkt auf den ÖPNV zurückzugreifen?

Ingo Kollosche: „Solch einfache Kausalitäten werden dem Problem nicht gerecht. Es ist ein komplexes Phänomen, dass es einfach Menschen gibt, die es nicht ertragen mit anderen Menschen in der U-Bahn zu stehen. Diese Menschen werden nie die U-Bahn nutzen, egal wie diese getaktet ist oder wie toll zum Beispiel die Innenräume gestaltet sind. Manche Menschen haben auch Sicherheitsprobleme und brauchen ihr Auto als Schutzraum. Das wird wohl immer so bleiben. Um den ÖPNV noch attraktiver zu machen, gibt es aber natürlich verschiedene Stellschrauben. Das kann einerseits der Preis sein, sicherlich auch die Taktung. Das höchste Gut im Bereich der Mobilität im Hinblick auf Mobilitätsbedürfnisse ist die Flexibilität. Ich will schnell umsteigen, ich will schnell von A nach B kommen und das möglichst komfortabel. Auch Barrierefreiheit ist in Berlin ein ganz großes Thema. All das sind Bausteine, an denen gearbeitet werden muss, um den ÖPNV in Zukunft noch attraktiver zu machen. Nehmen Sie mich als Beispiel. Ich bin eigentlich absolut monomodal, das heißt ich fahre nur mit dem ÖPNV. Aber die Gründe hierfür sind, dass ich Fahrradfahren in Berlin einfach zu stressig finde, ein Auto brauche ich nicht und ich möchte gerne in der S-Bahn lesen können. Andere Leute sehen das wieder ganz anders und Pendler sind sowieso oft auf weitere Verkehrsmittel angewiesen. Insofern ist ein komplexes Maßnahmenbündel notwendig um den ÖPNV attraktiver zu gestalten. Geht man jetzt nur von Berlin aus, wäre die alltägliche Pünktlichkeit natürlich schon hilfreich. Man hat ja auch gesehen, wozu der große S-Bahnskandal geführt hat, als plötzlich Züge ausfielen. Selbst jetzt, bei einer halbwegs vernünftigen Taktung, sind die S-Bahnen auf den Hauptachsen immer noch brechend voll. Das hat natürlich auch mit dem Tourismus zu tun und da würde eine bessere Taktung durchaus helfen. Aber alleine durch so eine Maßnahme steigert man die Attraktivität nicht dermaßen, dass Menschen ihre Mobilität umstellen. Wir sind schlicht und ergreifend durch unsere Gewohnheiten geprägt und verändern uns wie bereits gesagt eigentlich nur bei einschneidenden biografischen Ereignissen. Ich habe zum Beispiel mein Auto 2007 abgegeben, weil ich keine Lust mehr hatte dauernd nach Parkplätzen zu suchen. Ein Auto ist in Berlin aus meiner Sicht überhaupt nicht notwendig. Da steht das halt oft nur rum und kostet Geld. Aber das hat viel mit Berlin zu tun, denn nicht jede Stadt hat so ein gut ausgebautes ÖPNV-Netz. Also man kann in dieser Stadt wirklich relativ komplikationslos und schnell mobil sein ohne eigenes Auto.“

Letzte Änderung am Dienstag, 08 Dezember 2015 17:06
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